INTERVIEW MIT LUFTHANSA-PILOT BURKHARD KRUSE
www.spiegel.de
"Wir hatten Wind mit 300
km/h"
Noch nie in 25 Jahren als Lufthansa-Pilot hat Burkhard Kruse so einen
turbulenten Flug erlebt wie gestern. Der 47-Jährige schildert die Erlebnisse
an Bord seiner Boeing - mitten im Orkan "Kyrill".
SPIEGEL ONLINE: Wo waren Sie gestern unterwegs?
Kruse: Am frühen Morgen bin ich von Brüssel nach München geflogen, das
war relativ unkritisch. Später sollte es mit der Boeing 737 planmäßig von
München nach Manchester und von dort wieder zurück nach München gehen...
Pilot Burkhard Kruse: "Ich habe schon viel erlebt, aber das war
eine Ausnahmesituation"
SPIEGEL ONLINE:
...und dann?
Kruse: Die Windverhältnisse über Manchester waren sehr ungünstig.
Vorausfliegende Flugzeuge meldeten Scherwinde. Kurz vor der Landung, in etwa
800 Metern Höhe, haben wir beschlossen, den Landeanflug abzubrechen. Wir
hatten uns während des Fluges die Wetterdaten der umliegenden Flughäfen
beschafft - und dann entschieden, auf dem etwa 100 Kilomter entfernten
Flughafen Nottingham East Midlands zu landen.
SPIEGEL ONLINE: Warum sind Scherwinde so riskant?
Kruse: Windrichtung und -geschwindigkeit ändern sich sehr schnell und
stark. Scherwinde treten besonders in Bodennähe auf und können sogar die
Maschine verschieben. Ein ähnliches Phänomen ist bei Gewittern zu
beobachten.
SPIEGEL ONLINE: Sie hatten gut 60 Passagiere an Bord...
Kruse: ...die waren relativ entspannt - obwohl die Turbulenzen auch für
mich überraschend heftig waren. Ich habe ihnen erklärt, dass wir wegen des
Wetters ausweichen. Nach der Landung dort haben die Fluggäste Beifall
geklatscht. Was auf Linienflügen ja recht selten vorkommt.
SPIEGEL ONLINE:
Wie war der Rückflug nach München?
Kruse:
Weil wir ja nicht aus Manchester gestartet sind, wo die Passagiere
warteten, sondern aus Nottingham, war die Maschine fast leer. Drei
Flugbegleiterinnen kümmerten sich um einen einzigen Gast - der beschlossen
hatte, lieber gleich wieder mit zurück nach München zu fliegen. Ich habe
dann auch auf eine Cockpitansage verzichtet.
SPIEGEL ONLINE: Das hört sich nach einem durch und durch ungewöhnlichen
Arbeitstag an.
Kruse: Ich habe schon viel erlebt. Aber gestern - das war schon eine
Ausnahmesituation. Die Windgeschwindigkeit war außergewöhnlich hoch. Auf
rund 11.000 Metern Höhe hatten wir teilweise Wind mit 300 Kilometern pro
Stunde.
SPIEGEL ONLINE: Wie werden Piloten auf Unwetter vorbereitet?
Kruse: Bei der Lufthansa absolviert jeder Pilot alle drei Monate ein
Training im Simulator, egal wie viele Flugstunden er hat. Dabei
werden alle möglichen Situationen geübt. Besonders die Reaktion bei
Scherwinden ist wichtig. Grundsätzlich fliegen wir nie in Scherwinde. Das
Durchstarten ist in jeder Phase des Anflugs und in jeder Höhe möglich - so
wie wir das gestern in Manchester gemacht haben.
SPIEGEL ONLINE:
Wohin fliegen Sie heute?
Kruse: Am Nachmittag von Frankfurt nach Edinburgh.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie angespannt?
Kruse: Ein Pilot sollte im Cockpit möglichst gelassen sein. Anders sieht
es aus, wenn er drei Stunden am Boden stehen muss und auf die Startfreigabe
wartet.
|